Thursday, September 25, 2008

Kommissar Entropie und das Killerauto

Die “Kommissar Entropie”-Reihe von Jonas Arthur Kanapee erfreute sich in den neunzehnhundertsechziger Jahren großer Beliebtheit und wurde in unzähligen Zeitungen gedruckt.

Hauptkommissar Werner Entropie hatte einen freien Samstag. Den genoß er zu Hause in seiner Vierzimmerwohnung mit Balkon. Und mit Wachtmeisteranwärter Horst Dreselich, der zu Besuch bei Entropie war. Die beiden verstanden sich nämlich prächtig; wahrscheinlich weil beide deutsch als Muttersprache hatten. Entropie hatte plötzlich Hunger, und schlug vor, Würstchen zu grillen. Dreselich hatte keinen Appetit, und bestaunte stattdessen Entropies beeindruckendes Aquarium. Der Kommissar wollte mit der Zubereitung seines Imbisses anfangen, konnte jedoch zu seinem Ärger die Holzkohle nicht finden. Seine Unordnung brachte ihn zur Weißglut, so dass er letztendlich gar keine Holzkohle mehr benötigte: Die Wurst war binnen weniger Minuten gar.

Er biß ein Ende des knusprigen Grillguts ab und schluckte es ohne zu kauen eilig hinunter. Doch etwas fehlte. Sehr, sehr trocken fand er die Wurst, das Gesicht verziehend und laut hustend. “Erst kauen, dann schlucken”, ermahnte ihn der Kollege Dreselich. Entropie war froh über dessen Kommentar, denn die Wurst war daraufhin weitaus genießbarer: Zum Glück hatte Dreselich seinen Senf dazu gegeben. “Wahnsinn, Ihr Aquarium”, sprach Dreselich weiter, “wieviele Fische sind denn da drin?”, fragte er den laut schmatzenden Entropie interessiert. “Firfiff Firfiffe”, antwortete der spuckend und schluckte. Dann elaborierte er, “vierzig Zierfische und eine Schildkröte. Sie hört auf den Namen Enzo”.

Plötzlich klingelte Entropies Telefon. “Entropie, kommen Sie schnell”, sprach der Inspektor Wutanski mit zitternder Stimme, “es hat einen Mord gegeben. Es scheint wieder der Serienmörder zu sein”. Entropies Stirn legte sich in Falten. “Wir kommen sofort”, raunzte der Hauptkommissar dann in die Muschel, notierte sich die Adresse und legte entschlossen auf. “Dreselich”, kommandierte er seinen Kompagnon, doch der zögerte. “Chef, ich muss Sie noch dringend etwas fragen. Es geht um etwas, das mir schon länger auf den Nägeln brennt”. “Später!”, kanzelte Entropie Dreselich unwirsch ab, und sie machten sich auf den Weg. Mit Blaulicht fuhren Sie zum Einsatzort.

Es war Hans-Walter Blaulicht, seines Zeichens Schutzpolizist, den Entropie eingeladen hatte, um ihn wegen seines fünfundzwanzigjährigen Dienstjubiläums zu ehren. Entropie hatte ihm den dafür vorgesehenen Kugelschreiber zuvor feierlich überreicht. Blaulicht war keine Leuchte, als Fahrer jedoch ein unglaublicher Draufgänger. Das Bremspedal existierte in seinen Augen nur aus kosmetischen Gründen: ohne Rücksicht auf Verluste beförderte er das Trio mit Höchstgeschwindigkeit durch den dichten Verkehr. Entropie bemerkte Blaulichts wahnsinnige Lachanfälle nicht, als der die Passanten hupend über die Straße scheuchte, hatte er doch selbst alle Hände voll damit zu tun, die Titelmelodie seiner Lieblingskrimiserie zu intonieren und dies über die Außenlautsprecher kundzutun. Dreselich auf dem Rücksitz wurde kreidebleich: es käme einem Wunder gleich, wenn niemand verletzt werden würde ob dieses waghalsigen Fahrstils.

Am Einsatzort angekommen, stiegen sie aus. “Ich wollte Sie noch fragen, was mir so auf den Nägeln brennt”, versuchte es der jetzt grünliche Dreselich erneut, doch Entropie ignorierte ihn emotionslos, sah er doch Schnatzke von der Spurensicherung herbeieilen. “Ein Blutbad”, stöhnte der, und deutete auf den weiträumig abgesperrten Tatort. Entropie ging hinüber und warf einen Blick auf das Opfer. “Wutanski”, schnaubte er daraufhin erbost, “sind sie sicher, dass es nicht einfach ein Verkehrsunfall war?”. Doch Wutanski entgegnete, die Greueltat folge genau dem Muster der vorangegangenen Morde. Er flüsterte dem Kommissar zu, man vermutete, es handele sich um ein Killerauto. “Killerauto?”, versicherte sich Entropie erschrocken, die Augenbrauen hochziehend. Wutanski führte bejahend weiter aus, “Zeugen berichteten mir, sie hätten ein Fahrzeug, aber keinen Fahrer darin gesehen”. Der Kommissar schwieg.

Doch urplötzlich verspürte er erneut Appetit. “Dreselich, übernehmen Sie!”, fuhr er den überraschten Kollegen an. “Aber”, stotterte der, “ich bin doch dafür gar nicht ausgebildet”. Entropie nahm Dreselichs Bedenken nicht zur Kenntnis, sein Magen knurrte. Zusammen mit Blaulicht machte er sich auf den Weg in das Restaurant auf der anderen Straßenseite. Doch schon am Eingang wurden sie vom Kellner abgewiesen. “Leider ist nichts mehr frei, meine Herren”, bedauerte der, worauf Blaulicht schimpfend auf einen Platz bestand. “Meine Herren, bitte verlassen Sie sofort das Restaurant!”, wurde der Kellner deutlicher, doch Blaulicht setzte sich zur Wehr. Und zwar zur Feuerwehr, die an Tisch sieben saß, wo es noch gerade zwei freie Plätze gab.

“Blaulicht, altes Haus”, begrüßte ihn der Oberbrandmeister Krannwinkel enthusiastisch. Entropie folgte Blaulicht zögernd, legten dann aber die Strecke zum Tisch zurück und bestellte eine extragroße Limonade. Es müsse sich wohl um eine Durststrecke gehandelt haben, mutmaßte er analytisch. Nachdem sie eine Kleinigkeit gegessen hatten, wollte Entropie zahlen. “Alles zusammen”, wies er den Kellner an, großzügig wie er war. Doch Blaulicht machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Er hatte es nämlich nicht abwarten können, endlich seinen neuen Kugelschreiber auszuprobieren. “Schreibt sogar”, freute er sich, bis Entropie ihm die zerknüllte Rechnung an den Kopf warf.

Sie gingen zurück zum Tatort, wo Dreselich atemberaubende Fortschritte gemacht hatte: Man hatte einen Verdächtigen festgenommen. Es handelte sich um Jonas Arthur Kanapee, den berühmten Schriftsteller. “Ihre Verkleidung war nicht gut genug, Kanapee”, sagte Entropie geringschätzend, Dreselich auf die Schulter klopfend, “mit dem abschließenden ‘r’ täuschen Sie uns nicht: Sie sind das Auto!” Kanapee protestierte, doch Schnatzke präsentierte dem Autor eindeutige Beweise: er zeigte die Speichelspuren, die man am Tatort gesichert hatte, und der Hauptkommissar verglich sie mit der Kanapee entnommenen Speichelprobe. “Kanapee, da können sie sich nicht rausreden”, lachte Entropie sadistisch, “die gleichen sich ja wie gespuckt”. Kanapee wurde abgeführt, Blaulicht, Dreselich und Entropie dagegen fuhren zum Revier.

Dort angekommen, erledigte Entropie noch den notwendigen Papierkram. Er war erschöpft als er fertig war, aber er hatte immerhin siebzehn Papierflieger geschafft. Er wollte nun nach Hause gehen und zog sich die Jacke an, die ihm aber zu seinem Erstaunen deutlich zu klein war. “Das ist meine Jacke, Chef”, meinte Blaulicht, und Entropie lachte. “Es ist mir noch nie aufgefallen, dass Sie so kleinwüchsig sind, Kollege Blaulicht”, scherzte Entropie, “wie kommen Sie denn überhaupt an die Pedale im Streifenwagen? Und können Sie überhaupt über das Lenkrad schauen?” Die Polizisten lachten, und traten ihren verdienten Urlaub an.

Entropie und Dreselich entschieden sich für einen Angelurlaub. Entropie hatte sich zunächst geweigert, hatte er doch beim Kauf einer Angelrute ein schlechtes Gefühl: Er war überzeugt, dass es dabei einen Haken geben müsse. Entspannt saßen sie aber nun am See und fischten. “Dreselich, jetzt sagen sie doch endlich, was ihnen die ganze Zeit so auf den Nägeln brennt”, erinnerte sich Entropie. “Schon erledigt, Kommissar”, lachte Dreselich, “das Brennen war urplötzlich verschwunden, als ich den Fall übernommen hatte”. Entropie lächelte wissend und nickte zufrieden: Es war richtig gewesen, Dreselich bei diesem Fall ins kalte Wasser zu werfen.

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Sunday, September 21, 2008

Cosmonia, das kleinste Land der Welt

Anton Medioker war Innenminister von Cosmonia. Im Gegensatz zu seinen Nachbarländern war Cosmonia jedoch ein äußerst kleiner Staat. Sogar so klein, dass nur ein einziges Haus auf dem Staatsgebiet Platz fand. Cosmonia hatte lediglich einige Hundert Einwohner, die alle in diesem einzigen Haus lebten. Der Außenminister Cosmonias, Alexander Gulag, lachte stets über seinen Kollegen: Eigentlich sei der gar kein Innenminister, sondern eher ein Hausmeister.

“Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen”, entgegnete Medioker kühl, und machte Gulag im Gegenzug darauf aufmerksam, dass er für einen Außenminister auffällig viel Zeit beim Gärtnern verbrachte. Gulag gab sich verwirrt und erwiderte, dass Medioker den Sinn des Sprichwortes wohl nicht verstanden hätte, und sprach es mit einer leicht veränderten Betonung erneut aus: “Wer im Glashaus *sitzt*, soll nicht mit Steinen werfen”. Also auch im Glashaus gelte, dass es sich im Sitzen wesentlich schlechter werfen ließe als etwa im Stehen.

Die Staatsform Cosmonias war nicht die Demokratie, sondern die Diktatur. Und der Diktator regierte mit eiserner Faust. Erst kürzlich hatte er den Verkehrsminister entlassen, da die Hauptverkehrsader Cosmonias, die beiden Aufzüge, regelmäßig defekt waren. Nicht nur entlassen hatte er ihn, er schien gänzlich vom Erdboden verschwunden zu sein. Hielt man ihn gefangen? Hatte man ihn ausgebürgert? Diese Willkür müsse ein Ende haben. Revolution, davon träumten Medioker und Gulag. Der Diktator war ihnen ein Dorn im Auge. Man müsse ihn stürzen.

“Der Fisch stinkt vom Kopfe her”, meinte Gulag, was Medioker jedoch nicht ganz verstand. Zugegebenermaßen war der Diktator nur ein kleiner Fisch, dem sein Reichtum zu Kopf gestiegen war. Doch bekanntlich stinke Geld doch nicht. Er war ratlos. “Wir müssen etwas unternehmen”, forderte Gulag, “Zeit ist Geld!”. Daraus konnte Medioker nur schließen, dass auch Zeit nicht stinke, was jedoch auch jeder abstreiten dürfte, der einmal mit Monate altem Fisch in Kontakt getreten war. Aber im Prinzip stimmte er Gulag zu: Die Revolution sei unausweichlich.

Doch zuerst wartete der Alltag auf Alexander Gulag: Fahrende Händler passierten Cosmonia und wollten ihre Waren an den Mann bringen. Gulag versuchte die Massen zu ordnen. Ein Tierhändler bot ihm Vögel in Käfigen an, nahm einen heraus und hielt ihn Gulag hin. “Ist der nicht süß?”, preiste er das Viech an, doch Gulag wies den mickrigen Sperling angewidert zurück. Er ging weiter, erhob fleißig Steuern und kassierte Zölle, bis sich der Markt schließlich leerte. Er sah nun einen kleinen Jungen auf der anderen Seite der Straße stehen, und ging, die Grenze Cosmonias überquerend, zu ihm hin.

“Können Sie dieses kleine Froschbaby hier über die Straße bringen, und dort im Teich aussetzen?”, fragte der, auf den Garten zeigend, der das Haus Cosmonias umgab. Das Froschbaby aussetzen? Das widerspräche den strengen Quarantänekontrollen Cosmonias, also verneinte Gulag. “Aussetzen? Ich kann es nicht übers Herz bringen”, log er. Der Bengel fauchte, “Sie sollen es es ja nicht übers Herz bringen, sondern lediglich über die Straße. Und dann dort im Teich aussetzen!”. Man merkte Gulag an, dass er in einem totalitären System lebte, diesem scharfen Befehlston konnte er nicht widerstehen.

Auch Anton Medioker hatte genug zu tun: Eine gehörlose Frau hatte sich auf das Dach des Hauses verirrt, und man geriet in Panik. Wollte sie springen? Der Diktator war empört, und gab Medioker als Innenminister die alleinige Schuld an dem Vorfall. Der war beschämt, doch beschuldigte wiederum den Außenminister Gulag: Schließlich habe der den zuvor angebotenen Spatz in der Hand abgelehnt. Doch schließlich konnte die Frau gerettet werden, und wurde von ihrer Schwester mit offenen Armen empfangen. Die Suizidgefährdung liege wohl in der Familie, mutmaßte Medioker scharfsinnig.

Auch der nächste Tag begann stressig. Zahlreiche Bewohner beschwerten sich über das laute Froschgequake in der Nacht, und drohten dem Diktator vehement. Der war beunruhigt und beschwichtigte die Massen. Da ging Gulag ein Licht auf: Sie könnten noch weitere Frösche einschleusen, und so eine Revolution anzetteln. Er weihte Medioker in seinen Plan ein, und in der Nacht machten sie sich daran, die Grenze ins Ausland zu überqueren. “Es ist fünf vor zwölf”, meinte Gulag bedeutungsschwanger, was Medioker aber als Signal zur Synchronisierung ihrer Uhren missdeutete. Als dann ganz Cosmonia schlief, gab Gulag Medioker grünes Licht, was diesen sehr erfreute, denn er hatte seine Taschenlampe vergessen.

Doch der Plan ging schief: Zwar gelang es ihnen, hunderte von Fröschen unbemerkt einzuschleusen, und ebenso, die Bevölkerung Cosmonias durch das endlose Gequake in Rage zu versetzen, doch die Massen rebellierten nicht gegen den Diktator, sondern sie verließen stattdessen scharenweise das Land. Der Diktator blieb weiter an der Macht, und er entlud seinen Zorn an Gulag. Schließlich sei er der Außenminister und verhörte ihn ausgiebig. “Man berichtete mir, dass sie folgende Worte sagten, ‘Man müsse ihn stürzen’”, sprach der Diktator beschuldigend. “Es ist nicht so wie es klingt”, wich Gulag aus, “Medioker und ich tauschten uns lediglich über neuartige Puddingrezepte aus”.

Gulag lügte wie Gedruckt. Gedruckt mit großem G, denn bei dem Vergleich handelt es sich um Herbert Gedruckt, einen landesweit bekannten Lügner, der eigentlich Stanislaus Nepotismus hieß. Und da er eher klein gewachsen war, hatte er zudem das allerorts bekannte Sprichwort “Lügen haben kurze Beine” geprägt. Doch mit seiner Lügerei riskierte Gulag nicht nur Kopf und Kragen, er redete sich auch um selbige, je länger das Verhör andauerte. Aber zuvor war schon Medioker verhört worden, und hatte weitgehend gestanden.

Medioker war weitaus nachgiebiger gewesen als Gulag, und hatte lediglich den Kragen riskiert, da sein Hemd sowieso in die Wäsche musste, und er sich schon sehr an seinen Kopf gewöhnt hatte: Wo sonst sollte er sein Toupet anbringen? Das Geständnis hatte man ihm schnell entlockt: Man hatte Medioker lediglich auf einen hohen Stuhl gesetzt, und ihn an das Gedrucktsche Sprichwort erinnert, und sofort brach er in Tränen aus. Gulag wurde noch wochenlang unter dem Vorwand psychiatrischer Behandlung verhört und wehrte sich vehement gegen diese Gehirnwäsche, musste jedoch am Ende wie Medioker dem Druck nachgeben: Letztendlich wurden beide des Landes verwiesen.

Sie waren nun also nicht länger hohe Staatsbeamte, sondern fanden sich in niederen Berufen wieder. Gulag fand eine Stelle als Gärtner und Medioker als Hausmeister. Gelegentlich schlenderten sie noch zur cosmonischen Grenze, und schauten mit schwerem Herzen auf die im Wind wehende Nationalflagge. Gulag meinte, es wäre ihm nie aufgefallen, dass neben dem Namen des Landes noch ein weiteres Wort auf der Fahne stand. Medioker stimmte zu. Doch die großen Lettern konnte man schon von weitem lesen: “Hotel Cosmonia”.

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Tuesday, July 1, 2008

Der rückwärtskompatible Rauchmelder

August Rauchmelder war ein sonderbarer Mann. Er hatte fünf Beine und zwölf Zehen. Es lag nicht an dem Atomreaktor, der direkt an seine Gartenlaube angrenzte, sondern vielmehr an dem Imbißstand gegenüber, wo er gerne mal Hähnchenschenkel mit Knoblauch verzehrte. Doch nicht dies machte ihn sonderbar, auch nicht die Tatsache, dass er Schwede war, obwohl es möglicherweise dazu beitrug. Nein, alles was er tat, tat er rückwärts. Zu tun haben musste es mit seiner Uhr, die chronisch andersherum lief. Sie war ein Erbstück seines Großvaters, und der hatte sie in Argentinien gekauft, und bekanntlich läuft ja auf der Südhalbkugel alles andersherum.

Diese Eigenschaft erlaubte es ihm, leicht zu Geld zu kommen. Er liebte es, alte, verrostete und abgewrackte Autos vom hiesigen Schrottplatz zu besorgen, damit ein paar mal gegen die Wand zu fahren, um sie dann in makellosem Zustand gegen viel Geld bei einem Autohändler abzugeben. Er schwamm im Geld, und natürlich tat er auch dies rückwärts. Er ließ sich mit den Füßen voran langsam vom Beckenrand in den Pool gleiten, tauchte dann ab in die Tiefe, um urplötzlich in die Luft empor zu schnellen, um mit einer unglaublichen Sanftheit und Präzision auf dem Dreimeterbrett abzufedern. Sogar das Abtrocknen konnte er sich sparen.

Er hatte lange Zeit versucht, in einem regulären Job zu arbeiten, doch das Konzept leuchtete ihm nicht ein. Spät abends musste er sich ins Büro aufmachen, wo er bis zum Morgengrauen schuftete und den Papierkram in Ordnung brachte, während seine Kollegen nichts anderes taten, als aus seiner Ordnung wieder ein heilloses Chaos zu machen, und ihn darüber hinaus aufs Übelste beschimpften. Als ungerecht wertete er auch die Tatsache, dass sein Arbeitgeber an jedem Monatsende Unsummen an Geld von ihm verlangte, als wolle man ihn für das Versagen der Belegschaft verantwortlich machen und zum Sündenbock abstempeln. Einzig dem Steuersystem konnte er etwas abgewinnen, denn Dank der Hilfe des Staats reduzierte sich der zu zahlende Geldbetrag beträchtlich, Gott sei Dank lebte er in dem Wohlfahrtsstaat Schweden. Aber nein, das könne es auf Dauer nicht sein, beschloss er damals, und machte sich selbständig.

Er fing an, alte Kaugummis von der Straße abzulutschen, sie mit der Zunge in perfekte Rechtecke zu formen, und dann in Alufolie einzuwickeln. Die Folie und dazu passende Papierverpackungen musste er nicht kaufen, er fand sie zuhauf in Abfalleimern. Die so vollendeten Streifen verkaufte er dann den ansässigen Kiosken, die sie ihm dankend abnahmen. Dies war zwar müßig verdientes Geld, bekam er doch nur wenige Münzen für die mühevoll geformte Kaumasse, doch für den Anfang war August Rauchmelder glücklich, schließlich lagen die plattgetretenen Kaugummis wie das sprichwörtliche Geld auf der Straße. Schon bald entwickelte er aber weitaus klügere Geschäftsideen und wurde steinreich. Seine Erträge hortete er ausschließlich zu Hause, wurde doch in der Zeitung noch immer über eine spektakuläre Serie von Banküberfällen berichtet, die sich schon Monate zuvor ereignet hatten.

August lebte allein, doch eines Sonntags traf er eine reizende Frau. Zu seiner Überraschung fing sie sofort an, äußerst emotional mit ihm zu streiten, und August wehrte sich ohne zu zögern mit noch heftigeren Argumenten. Immerhin sammelte sie dabei die zerbrochenen Vasen ein, die überall herumlagen, und reparierte sie auch gleich mit einer unglaublichen Virtuosität. Zum Glück beruhigte sie sich bald, und zog zu Augusts Überraschung sofort bei ihm ein. Sie hatte wirklich Temperament, dachte er sich. Was für eine Frau. Es gefiel ihm, nicht länger alleine zu sein, und ihre Beziehung wurde im Lauf der Monate immer romantischer und intensiver.

Doch sie war in der Tat eine rätselhafte Frau, und August verstand ihr Verhalten nie wirklich. Schon bald mietete sie wieder eine eigene Wohnung an, obwohl sie auf August glücklich wie nie zuvor wirkte. Was führte sie im Schilde, fragte er sich ratlos. Ob sie einen anderen kennengelernt habe? Außerdem wirkte sie so seltsam vergesslich, was darin gipfelte, dass sie ihn eines Tages sogar nach seinem Namen fragte. August bekam es mit der Angst, und in der Tat, gleich am nächsten Abend verließ sie ihn plötzlich wortlos, kein Abschiedsbrief, nichts, obwohl sie kurz zuvor noch einen so verliebten Eindruck hinterlassen hatte. Wie man sich doch täuschen kann, seufzte August.

Ein paar Wochen später traf er sie zufällig noch einmal, doch sie stritt vehement ab, ihn zu kennen. Er versuchte Sie vom Gegenteil zu überzeugen, doch schon bald merkte er, dass er mit ihrem neuen Freund nicht konkurrieren konnte. Der war nicht nur unglaublich gut aussehend, sondern anscheinend auch ein erfolgreicher Chirurg. Anders konnte sich August nicht erklären, wie dieser mit einem einzigen gezielten Handgriff Augusts seit Wochen gebrochenen Kieferknochen so tadellos heilen konnte, so dass jeder Schmerz verflogen war. Nicht mal einen Verband brauchte er anzulegen. Er ließ die beiden in Ruhe und versuchte seine Wehmut zu lindern, indem er in einen Zigarettenstummel blies, den er am Straßenrand gefunden hatte.

Er wollte sich nun erstmal um seine Finanzen kümmern. Er bündelte einen Teil des in seiner Wohnung verstreut liegenden Bargelds lieblos in einer Tasche und machte sich auf zur Bank, um es auf sein Konto einzuzahlen. Während er die Bank schnellen Schritts betrat, wunderte er sich, warum die Alarmglocken so schrill läuteten. Er war froh, als er das Geld endlich los war, doch es irritierte ihn, dass der Schalterbeamte so zitterte und dauernd Hände nach oben streckte. Er deutete es als die typisch verkrampfte schwedische Gastfreundschaft. Da August Rauchmelder unglaublich viel Bargeld besaß, musste er die Einzahlvorgänge in den nächsten Tagen noch das ein oder andere Mal wiederholen, und so war nach und nach sein komplettes Vermögen aus seinem Haus verschwunden.

Bargeld brauchte er sowieso nicht: wann immer er es benötigte, zog er den seltsam erfreuten und dankbaren Passanten die Brieftasche aus dem Mantel und nahm sich eine Handvoll Scheine. Doch mit der Zeit machte Geld ihn nicht mehr glücklich. Er wollte was für die Umwelt tun, hatte er doch im Radio von einem Vandalen gehört, der den halben Stadtpark gerodet hatte. Schon am nächsten Tag machte er sich daran, den Schaden zu beheben, und pflanzte hunderte Bäume ein. Gutes tun, das war sein Fall. In den nächsten Wochen und Monaten löschte er dutzende Brände, rettete etliche schon ertrunken geglaubte Nichtschwimmer und spendete großzügige Summen für unzählige Kinderheime. Doch leider bekam er keinerlei Anerkennung von der Gesellschaft für seine noblen Taten, im Gegenteil, er wurde sogar beschimpft und verachtet.

Er hatte genug von der Zivilisation. Resigniert verkaufte er all seine Besitztümer wieder, zu seinem Erstaunen zu weit höheren Preisen als zum Zeitpunkt des Kaufs. Von nun an lebte er als Eremit. Er entspannte sich und sammelte neue Kraft, und ließ die Sonnte auf seinen Bauch scheinen, der jedoch immer kleiner wurde, denn als Jäger und Sammler war er wirklich eine Null. Leider war auch die Höhle, die er ausgesucht hatte, nicht ausreichend isoliert, und im Winter hatte er einen üblen Schnupfen, so dass bei jedem Nieser die Bären aus der Nachbarhöhle genervt anklopften und um Ruhe baten, schließlich waren sie gerade beim Winterschlaf. Eremit sein schön und gut, dass ging zu weit, zurück in die Stadt, dachte August.

Zuerst brauchte er Geld. Kein Problem, wie gehabt einem Passanten aus der Hosentasche ziehen, dachte er sich, doch, klong, erntete er eine schallende Ohrfeige. Verwundert versuchte er es ein weiteres Mal, doch wieder bekam er gehörig eine auf die Zwölf. August Rauchmelder verstand die Welt nicht mehr. Da fiel ihm ein, dass er sein ganzes Geld ja bei der Bank hatte. Schnell machte er sich auf den Weg, doch dort wusste niemand von seinem Konto. Deprimiert schlich August zurück zur Straße, wo ihn ein Passant nach der Uhrzeit fragte. “Meine Uhr”, fiel es ihm brandheiß ein, sie war verschwunden. Er hatte sie wie seine anderen Besitztümer verkauft. Er eilte zu dem Pfandhaus, doch zu seinem Entsetzen war die Uhr schon verkauft.

Er ärgerte sich unbändig darüber, doch es half ja nichts. Er bekam zum Glück seinen alten Job wieder, doch er war ernüchtert, wieviel er verlernt hatte, so chaotisch war seine Arbeitsweise, während seine Kollegen mit Disziplin und Korrektheit glänzten. Zu seiner Überraschung bekam er am Monatsende jedoch keine Abzüge, sondern sogar Prämien, die jedoch zu einem Großteil von Steuern aufgefressen wurden. Er schimpfte auf den Sozialstaat wo er nur konnte. Doch nach nur wenigen Monaten war der Vorstand überrascht, als August Rauchmelder seine Kündigung einreichte. Sein Chef fragte ihn irritiert, was er denn nun machen werde, worauf August lächelte und mit einem Flugticket wedelte: “Südamerika!”

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Wednesday, June 25, 2008

Das verzweifelte Einzelkind

Diese Kurzgeschichte von Jonas Arthur Kanapee war sein Beitrag zur Valentinstagsausgabe der Aarhuser Morgenstunde (14.2.1969).

Sören Nisky, ein 47-jähriger Bäcker, war ein Einzelkind, was ihn sehr deprimierte. Gerade buk er Kuchen, und neidisch schaute er auf die Backhefe, wie gesellig die Mikroorganismen sich doch verhielten. Sie schienen zu tanzen und zu scherzen, bis der gesamte Kuchenteig in Wallung geriet. Eine unglaubliche Party, und er war nicht eingeladen. “Besser Einzelkind als Einzeller”, versuchte er sich aufzumuntern, aber es half nichts. Er war alleine und seufzte. Ob der ihn überkommenden Schwermut musste er sich erstmal setzen, sein Teig dagegen erstmal gehen.

Plötzlich klingelte das Telefon, und Sören eilte aus der Backstube zur Wohnung. Er hob ab. “Ich bins, Dein verlorenengeglaubter Zwillingsbruder Erik”, überraschte ihn eine Stimme. “Zwillingsbruder?” stammelte Sören ungläubig, “Ich habe einen Bruder?”. Er konnte es nicht glauben. “Wir wurden nach der Geburt getrennt”, erklärte Erik, worauf Sören entsetzt reagierte, denn auch die Telefonleitung schien plötzlich getrennt zu sein. Er geriet in Panik, und konnte den Hörer nicht aus der Hand legen. Es war erstaunlich, wie klebrig dieser Kuchenteig doch war.

Um die Leitung wiederzubeleben schlug er wiederholt hektisch auf die Gabel, wie er es aus Filmen kannte, bis er schließlich ob seiner blutigen Hand merkte, dass es nichts half, da er lediglich auf sein Essbesteck einschlug. Das erinnerte ihn daran, dass er ja eigentlich gerade essen wollte, nämlich einen Salat. Kurz darauf funktionierte das Telefon dann wieder, womöglich, weil der Kabelsalat verschwunden war. Erik war wieder zu hören, “Ich komme morgen zu Dir, und dann können wir uns kennenlernen und alles nachholen, was wir verpasst haben”. Dann legte Erik auf. Sören hatte sich nie zuvor über die Erfindung des Telefons so sehr gefreut wie in diesem Moment. “Gäbe es die Erfinder nicht, müsste man sie erfinden”, philosophierte er.

Am nächsten Morgen traf Erik ein, und beide umarmten sich. Sie glichen sich wie ein Ei dem anderen, und Sören wunderte sich, was dieses andere Ei damit zu tun hätte, waren sie doch eineiige Zwillinge. Sören erzählte, wie er im Alter von wenigen Monaten mit der Großtante nach Kanada auswandern musste, und erst vor wenigen Jahren in die Heimat zurückgekehrt war. Deshalb hatten sie sich nie zuvor treffen können. “Wie hast Du mich denn gefunden?”, fragte Sören neugierig. Erik hatte einen Detektiv engagiert, der nun schon dreizehn Jahre nach ihm gesucht hatte. “Er hatte verschlüsselte Dokumente gefunden, die Deine Kontaktdaten enthielten. Es stellte sich letztendlich heraus, dass er Analphabet war, und die dreizehn Jahre brauchte, um endlich das Telefonbuch lesen zu können”.

Die beiden beschlossen, nun viel Zeit zusammen zu verbringen. Sie vereinbarten, gemeinsam in Urlaub zu fahren. Sören schlug einen Ausflug zur Ostsee vor, aber Erik wollte lieber in den Westen. Genauer gesagt, Westafrika. “Du hast doch eine gut gehende Bäckerei, da wird doch so eine Reise für zwei Personen drin sein. Sei nicht so knauserig”. Sören ließ sich widerwillig darauf ein, und schon in der darauf folgenden Woche waren die beiden auf Safari, sie machten Jagd auf die Thomson-Gazelle. Doch leider konnten sie keine finden, worüber sie so erbost waren, dass sie sich entschlossen, stattdessen Thomson selbst zu jagen. Sie ärgerten sich als sie herausfanden, dass er schon lange tot war. Jemand war ihnen wohl zuvorgekommen, der Urlaub war zumindest ein absoluter Reinfall.

“Nun bleiben wir erstmal hier und geniessen die Zeit in der Heimat”, ermahnte Sören seinen abenteuerlustigen Bruder. Also spazierten sie und verbrachten die Abende zu Hause bei Sören, der leider immer früh aufstehen musste, um in der Backstube die morgendlichen Backwaren zuzubereiten. Erik war ein Spätaufsteher. Manchmal stand er sogar erst auf, nachdem er schon wieder eingeschlafen war, so dass sein Biorhythmus inzwischen jeder Free-Jazz-Combo die Show stahl. Am Abend war er dafür umso aktiver. “Lass uns was zusammen spielen”, schlug Erik vor. Der müde Sören erwiderte lustlos, sie könnten eine Partie 17 und 4 spielen, worauf Erik verwundert antwortete, “17 und 4? Du solltest dich schon für eins von beiden entscheiden”. So langsam wünschte Sören, er wäre wieder alleine.

Aber es kam noch besser. Sörens Auto wollte eines Tages nicht mehr starten, und er wollte es zur Reparatur bringen. “Nein, ich repariere das für Dich. Das wird auch nicht teuer”, meinte Erik. Sören erwähnte, dass die Kosten sich in der Werkstatt um die Ecke auf kaum 800 beliefen, und er fragte Erik, ob er bei der Reparatur wirklich drunter läge. “Natürlich”, lautete Eriks überzeugte Antwort. Eine Woche später war der Wagen repariert, doch der Preis für all die Ersatzteile war enorm hoch. “Ich dachte, Du lägst beim Preis unter 800?”, fragte Sören erbost, doch Erik korrigierte ihn, “nicht beim Preis, nur bei der Reparatur. Wie sonst sollte ich an den Auspuff drankommen, wenn ich nicht unter dem Auto läge?” Der Bruder müsse gehen, dachte Sören.

Am nächsten Tag hatte er eine Tortenlieferung für eine kulturelle Veranstaltung im Stadtzentrum. Sören wollte gerade seine Konditoreiprodukte abliefern, als er von einer attraktiven Mittzwanzigerin nach dem Weg gefragt wurde. Er antwortete ihr charmant, und sie kamen ins Gespräch. Sie war ein Mitglied des Orchesters, das an diesem Abend spielte. “Als ich noch in Kanada war, hatte ich dort als Holzbläser in der Philharmonie gespielt”, flirtete Sören, “ich spielte das Ahorn”. Sie verzauberte ihn mit ihrem Lächeln, und er hing an ihren Lippen, was nicht zuletzt an ihrem Piercing lag, in dem er sich mit seiner Tortenschaufel verheddert hatte. “Holzbläser? Wie aufregend. Ich bin nur eine Glasbläserin”, scherzte sie, “ich spiele die Sektflöte”. Sie lachten. Er war verliebt und lud sie für den nächsten Tag zu sich nach Hause ein.

Am darauffolgenden Tag hatte Sören nur noch eine kleine Lieferung zu erledigen, bevor er seine neue Liebe wiedersehen konnte. Doch wieder streikte plötzlich der Motor an Sörens Wagen. Er verfluchte den Tag, an dem er seinen Zwillingsbruder gefunden hatte. Er ließ den Wagen stehen, und eilte zu Fuß nach Hause. Dort angekommen, war niemand da. Auf dem Tisch fand er schließlich eine Notiz. “Habe mich verliebt, bin mit ihr nach Stockholm unterwegs, danke für die Kreditkarte, Erik”. Sie musste Sören mit seinem Zwillingsbruder verwechselt haben. Sören war am Boden zerstört, und zwar am Tortenboden im unteren Regal.

Doch das Leben müsse weiter gehen. Am Tag darauf wartete er hungrig an einem Imbißstand, als er plötzlich neuen Mut schöpfte. Von nun an wollte er kompromissloser sein, keine halben Sachen mehr. Endlich kam er an die Reihe, “ein halbes Hähnchen”, bestellte er lauthals, und ertränkte seinen Frust zusätzlich mit einem halben Liter Limonade. Vorbei war es mit den guten Vorsätzen. In den nächsten Wochen und Monaten verzehrte er unglaubliche Mengen an Nahrung und nahm dabei etliche Kilos, bis nicht nur er, sondern auch sein Kinn ein Zwilling war. Doch ihm erschien es nur konsequent, schließlich ließ er in Zukunft nicht nur seinen Hefeteig, sondern auch sich selbst gehen.

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Saturday, February 16, 2008

Literatur, die man meiden sollte

Bert Glöde war ein besessener Leser. Er las alles, was ihm unter die Augen kam. Zeitungen, Magazine, Pamphlete, Broschüren. Aber vor allem eins: Bücher. Von morgens bis abends, Sommer wie Winter. Und im Herbst las er zusätzlich noch Trauben, so besessen war er. Zu seiner Enttäuschung waren aber eine Menge Bücher nicht wirklich lesenswert, so viele gar, er hätte Bücher damit füllen können. “Wieso nicht?” dachte er sich und kratzte seine Halbglatze, “Ein lesenswertes Buch über nicht lesenswerte Bücher!” Eine brilliante Idee, wie er fand, und machte sich an die Arbeit. Er begann mit Lyrik, mit A wie Aaabransen, Niklas. Das Buch suchte er aber vergeblich unter A, fand es aber kurz darauf unter der Couch, nahm es hervor und begann zu lesen.

Sogleich lief es ihm eiskalt den Rücken herunter, was in erster Linie am undichten Dach und dem frostigen Regen lag, aber auch an Aaabransen. Absolut alptraumartige Alliterationen, ideenlose Analogien, die wie ideenlose Analogien waren, ultramegaoffensichtliche Hyperbeln, einfallslose Anaphern, und so weiter und so fort. Die Strophe des Gedichts, das er gerade las, war so furchtbar, dass er erst jetzt realisierte, dass sie eigentlich eine Katastrophe war. Zu seinem Entsetzen musste er kurz darauf feststellen, dass auch der Platz, an dem er las, nämlich sein Pult, eigentlich ein Katapult war. Wie konnte er das beim Kauf übersehen haben. In hohem Bogen wurde er auch gleich aus dem Fenster geschleudert, und kam mitten auf der Straße runter. Zum Glück konnte sein Fall noch durch das Kopfsteinpflaster gebremst werden, sonst wäre er unmittelbar auf den Boden gestürzt.

Schnell kamen ein Dutzend Personen, um ihm aufzuhelfen. Bert war unverletzt. Er war überrascht, dass seine Helfer allesamt glatzköpfig waren, und sprach die Gruppe an, wer sie denn seien. Sie waren von der hiesigen Theatergemeinde, und auf dem Weg zur Aufführung ihres neuen Stücks. Bert war fasziniert, und fragte sogleich nach dem Namen des Stücks, er wollte es unbedingt lesen. Ein kleiner Dicker trat heraus und übergab ihm ein Exemplar, “oh, ‘Die zwölf Geschworenen’, das kenne ich schon, schade”, erwiderte Bert etwas enttäuscht. Ungläubig nahm der Glatzkopf mit dem Kugelbauch das Manuskript zurück und starrte auf den Einband, und schrie seine Kollegen an, “ich habe es euch doch gesagt, es sind ‘Die zwölf Geschworenen’, nicht ‘Die zwölf Geschorenen’”.

Nachdem Bert den restlichen Staub von seinem Anzug geklopft hatte machte er sich aus selbigem, denn der Streit unter den Theaterleuten eskalierte, die Fäuste flogen schon, ebenso die aufgeschreckten Tauben. Bert wollte einfach weiter an seinem ehrgeizigen Projekt arbeiten, Sigurd Aan-Smolten wartete auf ihn. Zum Glück hatte er die Taschenausgabe seiner Erzählung “Das katatonische Kaninchen” dabei und begann zu lesen. Leider fehlten gegen Ende zwei Seiten, und er wollte eine Münze werfen, ob er es in sein Buch der nicht lesenswerten Bücher aufnehmen sollte oder nicht, aber leider fehlten auch der Münze zwei Seiten. Wie würde die Handlung weitergehen? Er fragte in einer Tierhandlung, die ja Experten auf diesem Gebiet sein sollten. Doch leider nicht, das Kaninchen war niemandem dort ein Begriff.

Bert war die Sache peinlich, und er beschloss, zumindest ein Tier zu kaufen, um nicht wie ein begossener Pudel dazustehen. “Einen begossenen Pudel bitte”, meinte er, doch die seien teuer, meinte der Verkäufer. Bert merkte nun, dass er ja kaum Geld dabei hatte, dabei schien er sich nun mit dem Kauf eines Löwens angefreundet zu haben. “Aber sie müssen ja nicht alles sofort bezahlen”, entgegnete der Verkäufer, “in diesem Fall aber leider den Löwenanteil”. Auch dafür reichte das Geld nicht, und das letzte Angebot, dass Bert gemacht werden konnte, war ein Fisch. “Sogar ein Hai”, staunte Bert, “ist der nicht zu teuer?”, fürchtete er. “Keineswegs”, beruhigte ihn der Verkäufer, “es ist ein Kredithai”. Der konnte Bert den kompletten Kaufpreis vorschiessen, was Bert erleichterte, und so verließ er fröhlich den Laden.

Doch nun wurde er hungrig und erblickte eine Konditorei. Den Hai setzte er schnell aus, er hatte ihn ja nur aus Verlegenheit gekauft. Er öffnete die Tür der Konditorei, die mit einem Bimmeln den Weg frei gab. Doch leider waren hier Bauarbeiten, was den Backbetrieb erheblich störte und zu langen Wartezeiten führte. Bert ärgerte sich, er war wirklich hungrig. Um die Zeit zu vertreiben, suchte er das Gespräch mit dem vor ihm wartenden Kunden. Es stellte sich heraus, dass dieser der berühmte Physiker Hanfried Grubke war, bekannt durch seine Forschung im Gebiet der Schallsignale und Verfasser des Buches “Sonar – und doch so fern”. Bert erinnerte sich an das Buch, definitiv ein Kandidat für seine Kompilation.

Es stellte sich ebenso heraus, dass Grubke ein Schwätzer vor dem Herrn war, und nun leider auch vor Bert. “Atome sind ja längst nicht die kleinsten Bauteile der Materie”, fachsimpelte der Physiker, was Bert deprimierte, denn schon jetzt konnte er seine Sachen niemals finden. “Atome werden von Elektronen, Protonen und Neutronen gebildet”, dozierte er weiter, “und die bestehen wiederum aus Quarks. Genauer: Quark- und Antiquarkteilchen!”. Bert war genervt, aber endlich war er an der Reihe. Das Gespräch hatte ihn noch hungriger gemacht, und so bestellte er sich auch gleich drei Quarkteilchen. “Entschuldigen Sie bitte die Wartezeit”, bedankte sich die Bedienung für Berts Geduld, “das wird sich bald bessern, wenn erstmal dieser Teilchenbeschleuniger installiert ist”.

Bert machte sich auf den Nachhauseweg und verschlang unmittelbar das gekaufte Gebäck. Aber so ein Nepp, satt machten ihn die Teilchen nicht, so klein waren sie. Egal, er hatte noch viel Arbeit vor sich. Zuhause angekommen schrieb er weiter, bis zu Adam Zyzinskis erbärmlichem Roman “Die ausgestorbenen Eingeborenen”. Das Buch der nicht lesenswerten Bücher war tatsächlich fertig. Doch plötzlich öffnete sich die Tür. Es war der Kredithai, und er verlangte das Geld zurück, und zwar sofort. Bert war verzweifelt, er konnte nicht zahlen, verpfändete aber die Erlöse aus dem Verkauf des Buches für die Rückzahlung seiner Schulden. Er fand zum Glück schnell einen Verleger, den er auch sofort aufsuchte. Er durfte nun keine Zeit verlieren, und erst recht nicht sein Manuskript.

Der Verleger schien zu seiner Beruhigung wirklich ein Profi zu sein. Als Bert ankam hatte der sich aus seinem Büro ausgeschlossen, weil er sogar seine Schlüssel verlegt hatte. Sie unterschrieben die Verträge, das Buch wurde publiziert. Doch leider war es ein absoluter Flop, und der Kredithai machte kurzen Prozeß mit Bert. Zum Glück gab es einige Zeugen der Greueltat, doch eine Jury aus Kahlgeschorenen sprach den Kredithai überraschenderweise frei. Bert war tot, und gegen ihn war das katatonische Kaninchen nun ein hyperaktiver Hase. Doch durch sein spektakuläres Ableben erlangte Bert posthum unglaubliche Berühmtheit und sein Buch war plötzlich ein Kassenschlager. Leider brach die Nachfrage nach dem Hype aber ebenso schnell wieder ein wie sie gestiegen war, und so musste die zweite Auflage entscheidend geändert werden: An erster Stelle der nicht lesenswerten Bücher stand nun Berts Buch selbst, dicht gefolgt von den gesammelten Werken Jonas Arthur Kanapees.

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Monday, February 4, 2008

Mangold ist auch nur ein Gemüse

Eine Kurzgeschichte von Jonas Arthur Kanapee, die auf einer erfundenen Begebenheit beruht.

Anatol Mangold und Jonas Arthur Kanapee kannten sich schon seit etwa acht Jahren, doch zusammengearbeitet hatten sie noch nie. Kanapee war ein inzwischen erfolgreicher Autor, der mehrere Romane, zahlreiche Bühnenstücke sowie dutzende Kurzgeschichten- und Gedichtbände veröffentlicht hatte, und zudem dank seiner blütenreinen Gesichtshaut ein Werbestar eines Kosmetikherstellers war. Anatol Mangold dagegen war eine professionelle Romanfigur, die schon in zahllosen Bestsellern Hauptrollen besetzt hatte, und unglaublich populär war. In Deutschland hatte man sogar ein spinatartiges Gemüse nach ihm benannt, so beliebt war er.

Kennengelernt hatten sich die beiden in Hamburg, wo Kanapee ihn in einigen Büchern gesehen hatte, unter anderem in der rührenden Erzählung “Mein Freund das Molybdän”, der provokanten Novelle “Das Stachelbeer-Manifest” oder der abenteuerlichen Tragödie “Die unvergeßliche Reise der Nuschelkrebse”. Kanapee plante Anatol Mangold zu kontaktieren, ob er nicht Lust hätte, in seinem neuen Roman aufzutreten, doch leider hatten sich die beiden aus den Augen verloren, und nun konnte er Mangold nicht einmal mehr im Telefonbuch finden. So einfach werde es wohl doch nicht sein ihn aufzusuchen, befürchtete Kanapee.

Er müsse wohl erstmal dessen Agenten kontaktieren, dachte er sich. Leider war der ein Geheimagent, und niemand schien von ihm gehört zu haben. Kanapee analysierte die Situation nüchtern, und stellte fest, dass das Problem wohl sei, dass Mangold eine fiktive Person war, und deshalb nur schwer in der Realität anzutreffen sein würde. Erst danach trank er seinen Schnaps. Er resignierte seufzend, und nahm dann achselzuckend seine Primidon-Tabletten, da die gegen diese störende Konvulsion im Schulterbereich hilfreich sein sollten. Leider hatte er den Beipackzettel nicht richtig gelesen, und die zehnfache Dosis eingenommen. Ihm wurde dann plötzlich ganz schummrig und er musste sich erstmal hinlegen. Alles drehte sich, bis auf den Plattenspieler, den er noch ausstellen konnte.

Plötzlich überkam ihn eine Vision, in der er selbst auftrat und zu sich sprach, “Kanapee, wenn Mangold nicht zu Dir in die Realität kommen kann, musst Du eben zu ihm kommen”. Der reale Kanapee schwieg lediglich und runzelte die Stirn. “Du musst auch eine fiktive Gestalt werden!”, tönte seine Vision weiter, doch der von seiner Halluzination geplagte Kanapee wälzte sich nur schwitzend hin und her und schaute verdutzt drein. “Oh mein Gott. Schreib eine Geschichte, in der Du selbst auftrittst, und Mangold triffst. So kannst Du ihm dann die Rolle in deinem Roman anbieten. Aber beschreib Dich bitte etwas ansehnlicher als Du wirklich bist, und kein Sterbenswort von dem widerwärtigen Ausschlag in deinem Gesicht”, fauchte die Vision noch, in einem Echo verschwindend. Kurz darauf erwachte Kanapee, grinsend.

Nach einer kurzen Regenerationsphase machte er sich an die Arbeit und schrieb, “Anatol Mangold und Jonas Arthur Kanapee kannten sich schon seit etwa acht Jahren, doch zusammengearbeitet hatten sie noch nie. Kanapee war ein inzwischen erfolgreicher Autor…”. Er beschrieb seine vergeblichen Versuche der Kontaktaufnahme mit Mangold, dann seine infernalische Vision, und machte sich nun daran, endlich das Treffen mit Mangold zu schildern. “Nehmen wir ein Drei-Sterne-Restaurant”, dachte er sich und rieb sich hämisch die Hände, zudem ließ er sich noch eine herrenlose Brieftasche mit genügend Bargeld finden. Sie lag auf dem Bürgersteig, und Kanapee steckte sie ohne Scham ein. Alles lief nach Plan. Er betrat das Restaurant, wo Mangold schon auf ihn wartete.

“Sehr geehrter Kollege Mangold, welch eine Freude sie zu sehen”, sagte Kanapee, was Mangold zu seiner Überraschung sehr verwirrte, bis er feststellte, dass er ihn mit einem Kellner verwechselt hatte. “Hier bin ich”, sagte Mangold verlegen winkend. Kanapee entschuldigte sich, und sie beschlossen, einen Aperitif zu bestellen. “Momentan arbeite ich an einem neuen Roman”, begann Kanapee vorsichtig, “eine brilliante Satire über das Beamtenwesen in vier Akten”. Mangold nickte anerkennend. “Der Held ist Nick von Bennefeld, ein gewitzter, attraktiver Mittvierziger, der durch seinen unbändigen Charme Licht in einen Bestechungsskandal bringt”. Mangolds Gesichtszüge hellten sich auf, ihm gefiel wohl Kanapees Idee, oder zumindest schmeckte ihm der Aperitif, hätten sie doch bloß zwei und nicht einen für beide bestellt.

Sie gingen zum Hauptgericht über, Mangold wählte die eingelegten Tapiraugenbrauen auf Toast, und war erbost über Kanapees Bestellung, der sich die Nuschelkrebsplatte kommen ließ. Der Kellner servierte sogleich. Ob Kanapee denn nicht wisse, was diese armen Krebse für ein beschwerliches Leben hätten, schimpfte Mangold und kämpfte mit den Tränen. Diese klebten noch widerspenstig an den Tapiraugenbrauen und liessen sich nur schwer entfernen. Er beschrieb weiter die langen Leiden dieser armen Meeresbewohner und ging besonders auf deren erfolglose Behandlung beim Marinelogopäden ein, während Kanapee vergnügt die Platte leerte. “Entschuldigen Sie bitte, werter Kollege Kanapee”, schluchzte Mangold plötzlich, “aber wenn ich an die unvergeßliche Reise der Nuschelkrebse denke, werde ich ganz sentimental”. Kanapee wischte sich den Mund ab und meinte, “noch nie davon gehört, muss ich auch mal lesen”.

“Zurück zu ihrem Roman, Kanapee. Nick von Bennefeld, diese Rolle ist mir ja wie auf den Leib geschneidert”, sprach Mangold begeistert, worauf Kanapee erstaunt erwiderte, dass er ihn nicht als von Bennefeld, sondern als dessen Widersacher Gunnar Stein Halvorsen haben wollte, “ein widerwärtiger Typ, ohne Manieren, skrupellos, mit sehr eigenwilligen Ansichten von Körperhygiene. Ich musste direkt an sie denken, sehr geehrter Mangold, als ich ihn konzipierte”. Anatol Mangold wurde leichenblaß und sprach kein Wort. Eine Minute später realisierte Kanapee, dass Mangold sich wohl an den Tapiraugenbrauen verschluckt haben musste und kurz vor dem Exitus stand. Weshalb würde er sonst so mit den Armen rudern? Zum Glück hatte Kanapee das Heimlich-Manöver in seinem Repertoire und wendete es an, was sich leider etwas herauszögerte, da er vehement darauf bestand, dass die anderen Gäste wegschauen mussten. Doch schon bald hustete Mangold die verschluckte Braue auf den Fussboden aus, den Halvorsen wollte er aber dennoch nicht spielen.

“Ich spiele nur Helden, keine Schurken”, meinte Mangold, “Können sie mir nicht wenigstens die Titelrolle in einer ihrer Kurzgeschichten geben? Aber bitte nicht erwähnen, dass ich beim Thema Nuschelkrebse so sentimental werde, dass ist nicht gut für mein Image”, flehte er. Kanapee willigte ein und ließ sich schnell die Rechnung kommen. Als er zahlte, schaute Mangold verwundert, “ist das nicht meine Brieftasche, wo haben sie die denn her?”, worauf Kanapee genervt die Tapirbraue aufhob und in Mangolds Kehle zurückbeförderte. “Was für ein Langweiler”, fluchte er, “für einen Roman viel zu schade”. Mangold blieb röchelnd zurück, und die Kellner stritten noch um Kanapees großzügiges Trinkgeld, als der schon ohne mit der Wimper zu zucken das Restaurant verließ, was seine Laune urplötzlich aufhellte: Sein Augenlid reibend stellte er fest, dass die Antikonvulsiva letztendlich doch zu wirken schienen.

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Wednesday, January 30, 2008

Bei Sodbrennen nicht die Feuerwehr alarmieren

Jonas Arthur Kanapee diente jahrelang in der unfreiwiligen Feuerwehr Ballerup, was ihn zu dieser Kurzgeschichte inspirierte.

Sidney Kick stand an der Bushaltestelle und kaute Kaugummi, er hatte nämlich zu Rauchen aufgehört. Und das hatte er nicht bereut, denn hätte er weitergeraucht, hätten sich wohl Zigarette und Kaugummi zu einem ekligen Brei vermischt. Immer schön eins nach dem anderen, que sera sera, das waren seine Devisen, neben dem australischen Dollar. Er hatte nun genug von dem elastischen Konsumgut, spuckte es in einem hohen Bogen auf die Strasse. Er verspürte nämlich das Bedürfnis nach einer weiteren Zigarette, hatte aber leider kein Feuerzeug dabei, und auch keine Streichhölzer. Zufällig kamen vier Vagabunden vorbei, doch keiner hatte Feuer, ebensowenig die kurz darauf passierenden Cellisten und Violinisten aus der Provinz. Aber er nahm es den beiden Landstreichquartetten nicht übel.

Schließlich nahm er etwas Holz und Laub, und fing an, durch Reibung dieser Materialien Hitze zu erzeugen. Leider war das Holz etwas feucht, aber er versuchte es mit Humor zu nehmen, denn der war sehr trocken. Das klappte dann auch ganz gut, bald brannte die Haltestelle lichterloh. “Wer ist bloß die Feuerwo, wenn man sie braucht?”, fragte er sich, und tatsächlich kam der örtliche Brandschutzbeauftragte vorbei. “Löschen?”, wunderte der sich, “Dafür bin ich nicht zuständig. Ich kümmere mich doch um den Schutz des Brandes”, sagte er und konsequent sperrte er die Flammen großräumig ab. Er ließ nur eine Gruppe vom Umweltschutz durch, sie wollten noch schnell ihre alten Kühlschränke auf dem Feuer loswerden. Die waren jedoch so kühl, dass das Feuer sofort ausging. Der Brandschutzbeauftragte tobte. Dann kam der Bus und Sidney stieg ein.

Obwohl er gerade eingestiegen war, konnte man ihn beim Busfahren nicht gerade als Einsteiger bezeichnen, war er doch sogar im Besitz einer Jahreskarte. Er konnte also ein Jahr lang soviel fahren wie er wollte. Dachte er zumindest. Doch die Betreiber des Verkehrsverbundes waren sehr spitzfindig, und hatten im Kleingedruckten vermerkt, es handele sich um ein Jahr auf dem Planeten Merkur, was lediglich 88 Erdentagen entsprach, wie der Busfahrer ihm auch gleich anhand eines Modells erläuterte. Seine Karte war also abgelaufen. Ebenso wie wohl seine Schuhe, nachdem er die verbleibenden zweiundzwanzig Kilometer zu Fuß nach Hause zurückgelegt haben würde. Er stieg aus und machte sich durch die Kälte auf den Heimweg, von dieser ländlichen Einöde in sein urbanes Domizil.

Auf seinem Weg kam er an einem Bauernhof vorbei. Er erinnerte ihn an seine Kindheit, er war auch auf einem solchen Hof aufgewachsen. Seine Eltern waren sehr streng gewesen, so dass er selbst an seinem Geburtstag nicht mit seinen Freunden Blinde Kuh spielen durfte, und erst recht nicht mit der blinden Kuh. Nun wohnte er in der Stadt, doch seine Wohnung dort war so bescheiden, sie war lediglich 1,2 Quadratmeter groß, so dass er zum Schlafen stets die Tür geöffnet lassen musste. Noch dazu stand sie voller Tapetenrollen, er hatte nämlich das unerklärliche Bedürfnis, zweimal am Tag zu tapezieren, was ihm aber immer schwerer fiel, besonders seit der Tapeziertisch nicht mehr in die Wohnung passte. Ja, diese kostspielige Eigenart trieb ihn langsam in den Ruin.

Aber er war nicht nur knapp bei Kasse, sondern auch krank, er hatte starke Nierenprobleme. Nicht, dass er zu wenig trank, er litt nur unter extremem Sodbrennen, so dass alle Flüssigkeiten, die er zu sich nahm, verdunsteten, bevor sie den Magen passieren konnten. Er hatte schon viele Ärzte konsultiert, und man riet ihm dazu, beide Nieren zu spenden, dann wäre er die Schmerzen ein für allemal los. Das würde aber bedeuten, dass er seinen langfristigen Plan aufgeben müsste, endlich ein eigenes Haus zu bauen, das vollständig aus ihm zuvor entfernten Nierensteinen bestand.

Und es war auch keine Besserung seiner Situation in Sicht, im Gegenteil. Es fing sogar an zu regnen. Zum Glück hatte er einen Schirm dabei, wobei er Probleme hatte, ihn aufzuspannen, denn es war ein Fallschirm. Er hatte ihn von einem Freund bekommen, der Fallschirmjäger war, und den Schirm damals selbst mit einem Blattschuss erlegt hatte. Sidney versuchte sich bestmöglich vor dem Niederschlag zu schützen, doch der Schirm verfing sich schon bald in diesem schweinischen Stacheldraht, der sich aber auf den zweiten Blick als drahtiges Stachelschwein entpuppte. Er fluchte, nahm den Schirm ab und warf einen Schwachelstein nach dem Stachelschwein. Nun ließ er die Naturgewalten walten und wurde auf seinem Heimweg eben nass.

So konnte es nicht weitergehen. Zu Hause angekommen, schaltete er erstmal das Radio ein, um auf andere Gedanken zu kommen. Nur Nachrichten, Neuigkeiten von der Königlichen Familie, die Krönung von König Victor II. stand bevor. Er schaltete das Radio gelangweilt aus und fasste einen teuflischen Plan: Er müsse wohl oder übel eine Bank überfallen, wobei er sich für übel entschied. Er wählte schliesslich die Bank gegenüber, da er sie so von morgens bis abends beobachten könne, und es ausserdem so ein Überfall bestimmt anstrengend sei, und ein kurzer Nachhauseweg von Vorteil sei. Außerdem hatte er auch ein Konto dort, und könnte so direkt noch eine Überweisung tätigen. Akribisch bereitete er seine Tat vor, Tag und Nacht beobachtete er die Bank, wobei es nachts natürlich viel zu dunkel war um überhaupt etwas zu erkennen, und er tagsüber dann zu müde war und wirklich schlafen musste.

Doch dann war der große Tag gekommen. Er zündete sich eine Zigarette an, indem er sie an sein Sodbrennen hielt, und versuchte sich zu beruhigen. Dann marschierte er direkt zum Ort der Tat. Alles lief reibungslos, niemand konnte ihn stoppen, der Plan hatte wirklich einwandfrei funktioniert. Er wollte die Bank schnell verlassen, und kontrollierte seine Beute. Es war ein großer Kasten mit Geranien. Geranien? Er merkte nun, dass die Bank, die er überfallen hatte, lediglich eine Fensterbank war. Und dabei hatte er doch stets von dem hohen Zins dort geschwärmt, der sich beim zweiten Blick aber als hoher Sims herausstellte. Alles nur für ein paar schäbige Blumen. Er hörte schon die Sirenen nahen, und wollte sich aus dem Staub machen, doch der Rückweg war ihm abgeschnitten. Aber es war nicht die Polizei, die anrückte, sondern der Brandschutz, denn seine weggeworfene Zigarette hatte eine Mülltonne in Brand gesetzt und die Männer in rot setzten alles daran, das Feuer zu schüren.

Da fiel ihm ein, dass er ja noch die Überweisung tätigen wollte, es war zu seinem Glück eine Überweisung zu einem Nierenexperten, der ihn endlich von seinem Leiden befreien konnte. Als er wieder nach Hause gehen wollte, hatte man jedoch die komplette Innenstadt abgeriegelt, das Feuer dehnte sich immer weiter aus. Die Brandschützer klatschten sich ab und grinsten. Plötzlich jedoch erreichten die Flammen eine Feuerwerksfabrik, was zu einer derart großen Explosion führte, dass weite Teile des Kontinents in Schutt und Asche gelegt wurden. Eine gute Sache hatte das ganze letztendlich doch, denn die Erde war durch die Detonation aus ihrer Umlaufbahn geschleudert worden und lag nun irgendwo zwischen Merkur und Venus, so dass Sidney noch ganze vier Monate in den Genuß seiner Jahreskarte kam.

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Sunday, January 27, 2008

Das Artenschutzprogramm der Universität Helsinki

Eine bisher (zu Recht) unveröffentlichte Kurzgeschichte Jonas Arthur Kanapees.

Er schaute auf seine Armbanduhr, aber sie war stehengeblieben. Nicht die Uhr, sondern seine Assistentin. Ihr Schuh war in einem Gitter steckengeblieben, und sie verzweifelte beim Versuch, ihn daraus zu befreien. Zum Glück war es aber nur ihr Handschuh, und so konnte das Problem schnell behoben werden. Sie waren auf dem Weg zum Bahnhof, und er musste doch dringend den Zug erreichen, um noch pünktlich zu seinem Kongress zu kommen. Deshalb hatte er auch die Zeit auf seiner Armbanduhr ablesen wollen, wofür jedoch nun wirklich keine Zeit mehr blieb. Sie drängten durch die Bahnhofshallen, auf der Suche nach dem Zug. Er fuhr lieber mit der Bahn als mit dem Auto oder sogar dem Flugzeug. Er fragte sich, warum.

Nur noch eine Minute. Wo war denn diese Bahn? Die Gleise waren eigentlich akkurat nummeriert, leider standen aber die Züge darauf, sodass man nichts erkennen konnte. Seine Assistentin identifizierte den Zug und zeigte erleichtert in Richtung desselbigen. Er konnte noch gerade einsteigen, bevor die Türen schlossen, und sich diese Ausgeburt an technischer Innovation in Bewegung setzte, er sich dagegen in ein Abteil. Eine mehrstündige Reise, da könne er sich gut entspannen, dachte er sich, und wollte anfangen, ein Rätsel zu lösen. Er öffnete seine Tasche und durchwühlte sie, immer heftiger, er schien nicht zu finden was er suchte. Schliesslich fand er das Rätselheft. Er hielt es stolz in den Händen und warf es anschließend gleichgültig aus dem Fenster, da für ihn das Rätsel lediglich darin bestand, das Heft in seiner Unordnung zu finden.

Der Kongress fand in Göteborg statt, und er sollte einen Vortrag über “Innovationen der bionetischen Synthese” halten. Er hatte das Gefühl, bei seinen Forschungen kurz vor einem entscheidenden Durchbruch zu stehen, bis sein Arzt meinte, kurz vor dem Durchbruch stünde nur sein Blinddarm. Die Kongressveranstalter waren aber froh, dass er, Simon Tasteru Pääkima, Autor zahlreicher einflussreicher wissenschaftlicher Arbeiten und Gewinner des Heinrich-Brecker-Preises für ausserordentlich langes Luftanhalten, sich dennoch zum Kommen hatte bewegen lassen. Dafür hatte man ihm aber auch ein siebenstelliges Honorar in Aussicht gestellt, und eine Flasche Champagner in sein Hotelzimmer mit Aussicht gestellt. Auch Pääkima war mit der Bezahlung zufrieden, hatte aber zunächst ein siebeneinhalbstelliges Honarar verlangt, was aber aus mathematischen Gründen abgelehnt wurde. Aber er war ja ein guter Mensch und ließ mit sich reden.

Nachdem er das Rätsel schon nach wenigen Minuten gelöst hatte, langweilte er sich, und machte sich an die Lösung eines anderen schwerwiegenden Problems, das Lösen einer Fahrkarte. Leider konnte er keinen Fahrkartenautomaten finden, lediglich einen Tomatenautomaten. Auch einen Schaffner suchte er vergeblich. Kurz gesagt, es war niemand zu sehen. Seltsam. Er ging auf und ab, und es waren auch keine Abteile zwischen denen er sich bewegte, sondern hohe Bäume, Urwaldriesen, die auf morastartigem Boden wuchsen. Die Luft war warm und feucht, und Moskitos schwirrten durch die Luft. Plötzlich erschrak er. War das eine Schlange gewesen, die da vor seinen Füßen über den Weg gehuscht war? Er ging vorsichtig ein paar Schritte zurück. Ja, da erschien sie vor seinen Augen, und sie schlängelte sich langsam in seine Richtung. Er geriet in Panik.

Wie konnte das alles nur passiert sein? Nun dämmerte es ihm. Er war wohl in die falsche Bahn eingestiegen, nicht in den Stockholm-Göteborg-Express, sondern in die freie Wildbahn. Zumindest einen positiven Aspekt konnte er der Sache abgewinnen, für die freie Wildbahn brauchte man wohl keine Fahrkarte, er war eben ein Geizkragen. Die Schlange aber kam immer näher und zischte angsteinflößend. Pääkima sprach schon sein letztes Gebet, was zugleich auch sein erstes war, als der Kopf der Schlange schlagartig von einem Schuh der Größe siebenundvierzig geplättet wurde. Pääkima lockerte seine defensive Körperhaltung und sah vor sich einen Zweimetermann, perfekt ausgerüstet in bester Tropenkleidung, der blitzartig seinen muskelbepackten Unterarm ausfuhr, und ihm die daran verwachsene Hand zur Begrüßung entgegenstreckte. “Kellerman, James Kellerman”.

Pääkima reichte ihm zögernd die Hand, die Kellerman sogleich ergriff und auf ein Viertel ihrer ursprünglichen Größe komprimierte. “Ich bin hier im Rahmen des Artenschutzprogramms ‘Primaten helfen Primaten’ der Universität Helsinki”, erklärte Kellerman dem noch schüchternen Pääkima den Grund seines Daseins, “und bin auf der Suche nach Orang-Utans”. Pääkima war fasziniert, einen anderen Wissenschaftler getroffen zu haben, der sich dazu noch mit einer verwandten Thematik befasste. Er glaubte auch, das Artenschutzprogramm zu kennen, hielt es aber fälschlicherweise für einen Fernsehkanal. Er schloss sich der Expedition an. Sie marschierten für weitere vier Stunden, auf und ab, durch feuchte Täler und dicht bewachsene Hänge, immer tiefer in den Dschungel.

Kellerman schien sich hier wirklich besser auszukennen, dachte Pääkima, zumindest musste er bisher kein einziges Mal nach dem Weg fragen. Während des Marsches erläuterte Kellerman, man interessiere sich besonders wegen ihrer Intelligenz für Orang-Utans. Pääkima wollte weiteres über das Forschungsprojekt erfahren, doch plötzlich hob Kellerman die linke Hand und stoppte abrupt. Pääkimas Herz schlug ihm bis zum Hals, nicht aus Angst vor einer eventuell gesichteten Schlange, nein, er fürchtete lediglich, Kellerman wollte ihm nochmals zum Gruß die Hand schütteln. Doch im Gegenteil. Dort oben war es, ein Nest eines Orang-Utans. “Orang-Utans verbringen die meiste Zeit des Tages in Bäumen, und jede Nacht bauen sie ein Nest”, flüsterte Kellerman, nach oben zeigend. Doch noch bevor Kellerman die mitgebrachte Kletterausüstung anlegen konnte, um zum Nest heraufzusteigen, erschien der Orang-Utan wenige Meter vor ihnen. Pääkima zuckte bei dem Anblick zusammen.

Sie verharrten einige Sekunden bewegungslos, schliesslich näherten sie sich ihm vorsichtig. Kellerman holte einige Dokumente aus seiner wasserdichten Tasche, Formulare und ähnliches, dazu einen Stift. Der Orang-Utan schaute die beiden verwundert an. Ebenso verwundert schaute Pääkima, als er erkannte, dass es sich bei den Formularen um Kellermans Steuererklärung handelte, zu der er den Menschenaffen um Rat fragte. “Und wie ist das bei 17a, Einkünfte aus Ehegattenunterhalt im Rahmen des Realsplittings nach der Scheidung?”, fragte Kellerman mit zittriger Stimme. Der Orang-Utan fraß ein paar Beeren und kratzte sich. “Oder hier, Einkünfte von Wald-, Forst- und Laubgenossenschaften und ähnlichen Realgemeinden?”, versuchte es Kellerman erneut. Pääkima hielt sich beschämt die linke Hand vors Gesicht, er hatte verstanden. Primaten helfen Primaten.

Während Kellerman den Orang-Utan weiter vergeblich um Hilfe bat, ging Pääkima weiter. Mit so einem Vollidiot hätte es keinen Sinn, er würde sich auf eigene Faust durchschlagen. Er wanderte etliche Stunden, doch nun brach die Dämmerung herein, und Pääkima bekam es mit der Angst. All diese Geräusche. Plötzlich raschelte es im Gebüsch vor ihm. Er blieb wie angewurzelt stehen, und war erleichtert, als lediglich ein Schwein aus dem Unterholz hervorkroch. Ein Visayas-Pustelschwein, wie Pääkima sofort erkannte, dann jedoch stutzig wurde. “Sind die nicht schon in freier Wildbahn ausgestorben? Komisch”, fragte er sich. Die einzig logische Schlussfolgerung wäre da nur, dass er sich nicht in freier Wildbahn befände. Er schaute sich nochmal genauer um, und erkannte, dass er ja im Regionalzug nach Uppsala saß. “Klar, die beiden verwechsle ich immer”, lachte er kopfschüttelnd.

Sein Lachen wurde jedoch sogleich durch die Fahrkartenkontrolle unterbrochen, und er hatte ja keine. Man hatte ihn erwischt, und die Gesetzgebung in diesem Teil Schwedens sah vor, den Schwarzfahrer mit einem Betonklotz an den Füssen in den Aralsee zu werfen. Für Pääkima war dies jedoch kein Problem, da er einfach die Luft anhielt. Die Verlandung des Sees schritt weiter voran, und innerhalb weniger Monate war der Wasserspiegel entsprechend gesunken. Pääkima war froh, diese Strapaze überstanden zu haben und schwor sich, von nun an den Zug zu meiden und lieber mit dem Auto zu fahren. Doch leider geriet er schon am Tag darauf in einen schlimmen Verkehrsunfall, hatte er doch Probleme, kontrolliert Gaspedal und Bremse einzusetzen, mit dem lästigen Betonklotz an seinen Füßen.

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Saturday, January 19, 2008

Der Aufzug und Fall des Karl Kolumbus

Eine frühe Kurzgeschichte Jonas Arthur Kanapees, aus einer Sammlung mit dem Titel “Zwölf preisgekrönte Kurzgeschichten (und eine von Kanapee)”.

Es war kurz vor zwölf, als Karl Kolumbus die Treppe zu seiner Wohnung verkaufte. Er wollte lieber einen Aufzug haben, und das pronto. “Skonto?”, entgegnete der Verkäufer, “Gewähren wir nur bei Bartzahlung.”. Also musste Karl zuerst zum Friseur, um seine exzentrische Kinnbehaarung stutzen zu lassen, doch der Barbier hatte schon geschlossen. Also ging er in eine Bar Bier trinken und etwas zu essen. Er durchstöberte das Menü, wählte aus und bestellte, doch als er dem Kellner die Karte zurückgab, meinte der nur, dass man keine Karte akzeptiere, nur bar. Karl akzeptierte dies ohne mit der Wimper zu zucken: Schließlich befand er sich in einer Bar.

Er faltete die Speisekarte mit messerscharfem Verstand zu einem Segelschiff, mit dem er sogleich in See stach. Leider wurde er unmittelbar von den Anwälten der See kontaktiert, die ihn wegen Körperverletzung verklagen wollten. Doch er lud sie in seine Kombüse ein und bereitete eine vorzügliche Suppe zu, die lediglich aus Wasser und anderen Zutaten bestand. Das ganze ließ er noch eine Weile köcheln, und fügte noch Gift hinzu, das er von einer peruanischen Zwergnatter geborgt hatte. Diese hatte ihm nie seinen Fön zurückgegeben (wahrscheinlich, weil sie keine Hände hatte), also könne er auch mal das Gift verbrauchen, rechtfertigte er sich.

Die Anwälte konnten leider nicht zum Essen bleiben, da sie von ihren eigenen Anwälten verklagt worden waren, und dringend bei Gericht erscheinen mussten. Karl verstand nicht, warum sie es seinem Gericht vorzogen, und schüttete die Suppe aus, was das Meer aus dem ökologischen Gleichgewicht brachte. Es taumelte und fiel um, und das Ganze wurde über Portugal ausgeschüttet. So ein Ärger. “Schon bald wird da alles voller Ratten sein”, befürchete Karl. Zum Glück war er hausrattenversichert und schnaufte einmal tief durch. Er überquerte den Ozean, um mal etwas pausieren zu können. “Amerika”, flüsterte er verträumt.

Doch als er ankam, war er entäuscht. “Ist ja gar nicht Amerika, bin ja in Indien gelandet”. Um seiner Enttäuschung Herr zu werden beschloss er, einfach alle Inder von nun an Amerikaner zu nennen, bis diese sich dran gewöhnt hatten. Er eröffnete erstmal eine Karaokebar, um auf andere Gedanken zu kommen. Er kam schnell auf andere Gedanken, besonders auf den, dass es dämlich war, eine Karaokebar zu eröffnen. Dabei konnte er sehr gut singen. Und noch besser stanzen. Er war nämlich Schlosser von Beruf, ein renommierter sogar, hatte er doch unter anderem das Schloss Versailles entworfen. Doch nicht nur Schlosser, auch der Tischlerei war er mächtig, bis er ihr eines Tages überdrüssig wurde und sie an den Nagel hing, was ihm nicht schwerfiel, hatte er doch von Berufs wegen das passende Werkzeug dazu.

Sein nächster Versuch war die Gründung eines neuartigen Feinkostladens. Diese Idee war wirklich revolutionär. Der Laden wurde so populär, dass die Amerikaner beschlossen, zur Huldigung dieses grossartigen Einfalls ihre Hauptstadt danach zu bennen. Da jedoch ein hoher Minister Legassthenicker war, musste man sie ohne weitere Diskussion mit “h”, also “New Delhi” schreiben. Karl reagierte schnell, machte ein Franchiseunternehmen daraus, es ging an die Börse, und er wurde Millionär. Das Geld könne er gut gebrauchen, dachte er sich, schließlich sei es als Zahlungsmittel recht weit verbreitet.

Jetzt wollte er an seinen Memoiren schreiben. Leider verkauften sie sich nur schleppend, zum einen, weil sie mehrere tausend Seiten dick und deshalb schwer wie Blei waren, und zum anderen, weil er nicht die Buchstaben des Alphabets, sondern die des Analphabets benutzt hatte. Unter den Leuten, die nicht Lesen konnten, erlangte es schnell Kultstatus. Karl jedoch war deprimiert, und wollte nichts mehr damit zu tun haben, und das einzige Exemplar, was er besaß, verstaute er in einer seiner vielzähligen alten Truhen. “Moment”, dachte er sich, “wenn ich soviele alte Truhen habe, bin ich vielleicht gar kein so übler Typ. Sondern ein Altruist!”.

Bald bekam die Presse Wind davon, und ihm wurde der Friedensnobelpreis verliehen. Überall, wo er hinkam, wurde er verehrt und bejubelt. Doch auch das wurde ihm bald zu viel, die vielen Fotos, keine Privatsphäre. Er nahm die Friedensnobelpreismedaille und schlug sie dem erstbesten Paparazzo auf die Glocke. Karl Kolumbus war ob dieser Tat natürlich bei allen unten durch. Obwohl, oder gerade weil er unten durch war, wurde er schlagartig bei den Limbotänzern über Nacht zum gefeierten Held, noch Jahre später bewunderten sie ihn wegen seiner flexiblen Wirbelsäule. Er traf beim Limbo auch die Anwälte aus seinem Segelschiff wieder, die wegen ihrer Rückgratlosigkeit eine extreme Begabung zum Limbo an den Tag legten.

Karl legte nicht weniger Talent an den Tag, aber seinen Traum vom Aufzug zu den Akten, wobei er aber Probleme hatte, den Traum zu lochen und einzuheften. Aus und vorbei. Sein Aufzug würde wohl für immer ein Traum bleiben. Er beschloss, dieses Projekt aufzugeben, und statt eines Aufzugs zumindest einen Anzug zu kaufen. Er betrat ein Bekleidungsgeschäft in Oslo, doch ein miserabler Verkäufer beriet ihn nur halbherzig. Zudem beschwerte er sich andauernd über seine Kreislaufprobleme. Karl kaufte den erstbesten Anzug, in dem Wissen, ihn ja auch in eine Änderungsschneiderei bringen zu können.

Gesagt getan, am nächsten Morgen stand er um acht Uhr früh auf der Matte. Leider fiel es ihm deswegen schwer, die Tür zum Laden zu öffen, da sein Körper, der ja auf der Matte stand, der aufgehenden Tür im Weg war. Bis er dieses Dilemma gelöst hatte, hatte er bereits eine lange Schlange vor sich. Er war überrascht, als sie ihm seinen Fön wiedergab, und verlegen versuchte er, das Abhandenkommen des Gifts zu erklären. Nach zwei Stunden war er an der Reihe. Der Schneider war ein Meister seines Fachs. Er entfernte das “n” des Anzugs, und ersetzte es durch “uf”, und schon hatte Karl seinen geliebten Aufzug. “Wunderbar”, jubelte er, die Hände zum Himmel ausstreckend, denn es war eine Open-Air-Schneiderei.

Sogleich ging er nach Hause, um den Aufzug zu installieren. Er trug sein Pfauenkostüm und einen Cowboyhut, und als er die Nachbarin, für die er heimlich schwärmte, zu einer Fahrt in dem neuen Lift einladen wollte, lehnte diese empört ab, “aber nicht in diesem Aufzug”. Was für eine Kränkung. Karl war am Boden zerstört, nicht zuletzt deshalb, weil er vergessen hatte, die Kabine des Aufzugs mit Stahlseilen zu befestigen, und so plumpste er zehn Stockwerke tief, und wurde vom Gewicht der Anlage vollkommen zerdrückt. Eine gute Sache hatte das ganze immerhin: Am darauffolgenden Tag konnte er mit 3,8 cm einen neuen Weltrekord im Limbo aufstellen, der noch bis heute Bestand hat.

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Friday, January 18, 2008

Die Schachpartie

Aus Jonas Arthur Kanapees “Kurzweilige Langgeschichten”.

Sprengel und Ebermaier trafen sich wöchentlich einmal zum Schachspielen, und das schon seit mehreren Jahren. Ebermaier hatte nämlich viel Zeit zur Verfügung, seit er aus dem Krieg in einem Rollstuhl zurückgekehrt war. Er hatte damals verzweifelt versucht, nach Kriegsende eine Fahrkarte nach Hause zu buchen, wusste aber nicht, dass er als Soldat umsonst hätte fahren dürfen. Da er kein Geld hatte und seine Kommunikationsfähigkeiten eher bescheiden waren, nahm er einen übriggebliebenen Rollstuhl aus einem Feldlazarett und machte sich auf den Weg. Leider war das Gelände in den Ardennen recht holprig, und so brauchte er bis ins Jahr 1976, um zurückzukehren. Durch die anstrengende Fahrt war er ernsthaft erkrankt. Nicht dass er nicht wieder hätte laufen können, nein, er hatte nur eine permanente Paranoia entwickelt, ständig befürchtete er, sein liebgewonnenes Transportmittel könnte ihm gestohlen werden. Wohl deshalb war er seitdem niemals wieder aus dem Stuhl aufgestanden.

Sprengel dagegen war ein Lebemann. Er genoß sein irdisches Dasein in vollen Zügen. Er war von Beruf Schaffner. Dieser Beruf eröffnete ihm viele Möglichkeiten, konnte er doch die weite Welt in einem der fortschrittlichsten Verkehrsmittel (wenn auch nicht des aktuellen Jahrhunderts) erkunden. Die Frauen lagen ihm zu Füssen, wann immer er auch ihre Fahrkarte nach dem Abstempeln achtlos zu Boden fallen ließ. Er wusste wirklich, wie man lebt. Regelmäßig ein- und ausatmen, nicht zu schnell oder zu langsam, da einem sonst schwindelig werden konnte. Das Schachspiel hatte er von seinem Vater gelernt, der über eine enorme Eröffnungsbibliothek verfügte, zu der er seinem Sohn aber niemals einen Leihausweis ausstellte, so sehr dieser auch bettelte.

Nun war es also wieder Donnerstag. Die Figuren saßen gut für Sprengel: er hatte die Partie eröffnet, indem er versehentlich seine Zitronenlimonade auf das Brett ausgeschüttet hatte, so dass Ebermaiers Dame nun fest an ihrem Platz klebte und nicht bewegt werden konnte. Ebermaier hatte mit der nordneapolitanischen Eröffnung gekontert, die darin bestand, die Figuren des Gegners zu stibitzen, wann immer dessen Blicke vom Brett abschweiften. Sprengel aber hatte die Partie gut im Griff, vielleicht weil er im Gegensatz zu Ebermaier die Regeln zu Großteilen beherrschte. Ebermaier wogte nun nervös vor dem Brett hin und her, verzog die Miene zu einer häßlichen Fratze und grübelte über seinen nächsten Zug. Obwohl er seit 56 Jahren rauchte, wusste er nämlich noch immer nicht, an welchem Ende der Zigarette er saugen musste, um den Rauch zu inhalieren.

Schließlich bot er Sprengel ein Remis an. Sprengel schaute ihn verwundert an und lehnte dankend ab, er nehme lieber einen Tee, wie immer. Nun war Ebermaier also doch dazu gezwungen, eine Figur zu bewegen, wollte er nicht vorzeitig aufgeben. Er nahm den Springer und sagte “Schach”. Nicht, dass dies eine die Spielsituation betreffende Ansage gewesen wäre, nein, Sprengel musste nur hin und wieder daran erinnert werden, welcher Tätigkeit er nachging, seit sein Kopf zwischen zwei rangierende Güterwaggons geraten war, weswegen er manchmal einen leicht abwesenden Eindruck machte, was in gelegentlichem Sabbern gipfelte. Auf Ebermaiers Worte hin nickte Sprengel dann auch gleich dankend, und tippte die Finger seiner rechten Hand an die vernarbte Stirn, “stimmt ja”. Nun aber erkannte er die Schwäche in Ebermaiers Defensive und ließ seinen Läufer nach vorne preschen, gefolgt von einer geschickten Springergabel, und einer Damenumwandlung durch Vorziehen eines Bauern. “Matt!”, jauchzte Sprengel. Ebermaier stimmte zu, schließlich sei er auch schon ziemlich müde vom Spiel, es sei einfach zu heiß.

Sprengel machte sich auf den Heimweg. Er ging zu Fuss durch die überfüllte Stadt, in der das Leben pulsierte. Wäre die Stadt ein Mensch, hätte man ihr Bluthochdruck diagnostiziert. Und wäre Sprengel ein Marsupilami, würde er weniger gerne Lakritz essen. Ob Lakritz Bluthochdruck verursacht? Egal, Sprengel genoß nun einfach den schönen Tag und seinen erneuten Sieg über Ebermaier. Er ließ die Partie noch einmal vor seinem inneren Auge Revue passieren. Durch einen Geburtsfehler hatte er nämlich ein drittes Auge, was jedoch nicht nach außen gerichtet war, sondern sich auf der der Außenwelt abgewandten Seite seines Gesichts befand, weshalb er in vielen medizinischen Almanachen Erwähnung fand. Und er fand dort nicht nur Erwähnung, sondern manchmal auch die verlorengeglaubten Quittungen aus der Reinigung.

Er bewegte sich durch Alleen und Gärten, bis er zu einem weitläufigen, mit großzügigen Kacheln ausgelegten Platz inmitten eines idyllischen Parks kam. Hier machte er ein Päuschen. Friedlich standen die Menschen hier und erzählten. Sprengel entspannte sich und atmete tief durch. Doch die angenehme Ruhe wurde abrupt gestört, als ein Jogger an Sprengel vorbeirauschte und ihn nur um Haaresbreite verfehlte. Sprengel war entsetzt, schimpfte dem Rüpel hinterher. Dieser lief jedoch unbeirrt weiter und würdigte ihn nicht eines Blickes, von einer Entschuldigung ganz zu schweigen. Sprengel war erbost ob des Fehlverhalten des jungen Mannes, und kopfschüttelnd folgten seine Blicke dem Ruhestörer. Da erblickte er einen berittenen Polizisten, und rief ihn herbei. Mit einem weiten Sprung seines Rosses eilte dieser zu Sprengel, und hörte sich ungeduldig dessen Aussage an. Sprengel ereiferte sich über den Täter und fuchtelte wild mit seinem erhobenem Zeigefinger, immer wieder in Richtung des Tunichtguts weisend.

Der Polizist hörte zu, meinte dann aber abwinkend, er könne sich nicht mit solchen Bagatellen aufhalten. Er zeigte mit einem leichten Kopfnicken auf zwei zwielichtige Gestalten, die ebenfalls auf dem Platz verweilten. Sie gaben sich Mühe, unauffällig auszusehen, wie sie so mit den Händen in ihren Hosentaschen da herumstanden. Wahrscheinlich wären sie unauffälliger gewesen, hätten sie die Hände in ihre eigenen Hosentaschen gesteckt, und nicht in die des jeweils anderen. “Um die beiden muss ich mich kümmern!”, flüsterte der Polizist. Sprengel bekam es mit der Angst. „Ach so“, meinte er, Desinteresse vortäuschend, und ging weiter. “Seltsam feindselige Gestalten hier”, dachte er sich. Er ging zum nördlichen Ende des Platzes, an dessen Ecken lustige Pavillons standen. Begrüßt wurde er zu seiner Überraschung von einem unerwartet auftauchenden Chirurgen, der meinte, man hätte ihn schon erwartet. Sprengel erschrak, der Atem stockte ihm. Der Chirurg war ob seiner Unruhe verwirrt, und fragte ihn, ob er denn nicht bereit wäre für seine Geschlechtsumwandlung. Geschlechtsumwandlung? Sprengels Augen wurden groß wie Bowlingkugeln unter einer Lupe, und er fiel in Ohnmacht.

„Schach“ tönte es. Und wieder. „Schach!“. Sprengel blinzelte, und versuchte sich zu orientieren. Vor ihm stand Ebermaier, der ihn wild schüttelte. „Schach!!“. Sprengel zuckte vor Überraschung, ruderte mit den Armen und riss die Augen weit auf. Erst jetzt realisierte er, dass er noch immer bei Ebermaier war, vor dem Schachbrett sitzend. Erleichtert sank er in seinem Sessel zusammen. „Ebermaier, sie glauben ja nicht, was ich gerade geträumt habe“. Er erzählte ihm die ganze Geschichte. Ebermaier hörte nicht zu, da er Sprengel sowieso nicht leiden konnte. „Ich bin froh, mich nun wieder in einer sicheren Umgebung zu befinden“, meinte Sprengel abschließend, „diese Aufregung ist mir einfach zu viel. Spielen wir lieber noch eine Runde“. Er baute die Figuren für eine neue Partie auf. Ebermaier schenkte erneut Tee ein, da er aber keinen Zucker mehr hatte, geriet er in Ekstase, in dem Glauben, von seinem Diabetes geheilt worden zu sein. Sie spielten noch einige Partien an diesem Tag, bevor Sprengel nach Hause ging. Beim nächsten Mal würde er statt einem Tee das Remis probieren.

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