Kommissar Entropie und das Killerauto
Hauptkommissar Werner Entropie hatte einen freien Samstag. Den genoß er zu Hause in seiner Vierzimmerwohnung mit Balkon. Und mit Wachtmeisteranwärter Horst Dreselich, der zu Besuch bei Entropie war. Die beiden verstanden sich nämlich prächtig; wahrscheinlich weil beide deutsch als Muttersprache hatten. Entropie hatte plötzlich Hunger, und schlug vor, Würstchen zu grillen. Dreselich hatte keinen Appetit, und bestaunte stattdessen Entropies beeindruckendes Aquarium. Der Kommissar wollte mit der Zubereitung seines Imbisses anfangen, konnte jedoch zu seinem Ärger die Holzkohle nicht finden. Seine Unordnung brachte ihn zur Weißglut, so dass er letztendlich gar keine Holzkohle mehr benötigte: Die Wurst war binnen weniger Minuten gar.
Er biß ein Ende des knusprigen Grillguts ab und schluckte es ohne zu kauen eilig hinunter. Doch etwas fehlte. Sehr, sehr trocken fand er die Wurst, das Gesicht verziehend und laut hustend. “Erst kauen, dann schlucken”, ermahnte ihn der Kollege Dreselich. Entropie war froh über dessen Kommentar, denn die Wurst war daraufhin weitaus genießbarer: Zum Glück hatte Dreselich seinen Senf dazu gegeben. “Wahnsinn, Ihr Aquarium”, sprach Dreselich weiter, “wieviele Fische sind denn da drin?”, fragte er den laut schmatzenden Entropie interessiert. “Firfiff Firfiffe”, antwortete der spuckend und schluckte. Dann elaborierte er, “vierzig Zierfische und eine Schildkröte. Sie hört auf den Namen Enzo”.
Plötzlich klingelte Entropies Telefon. “Entropie, kommen Sie schnell”, sprach der Inspektor Wutanski mit zitternder Stimme, “es hat einen Mord gegeben. Es scheint wieder der Serienmörder zu sein”. Entropies Stirn legte sich in Falten. “Wir kommen sofort”, raunzte der Hauptkommissar dann in die Muschel, notierte sich die Adresse und legte entschlossen auf. “Dreselich”, kommandierte er seinen Kompagnon, doch der zögerte. “Chef, ich muss Sie noch dringend etwas fragen. Es geht um etwas, das mir schon länger auf den Nägeln brennt”. “Später!”, kanzelte Entropie Dreselich unwirsch ab, und sie machten sich auf den Weg. Mit Blaulicht fuhren Sie zum Einsatzort.
Es war Hans-Walter Blaulicht, seines Zeichens Schutzpolizist, den Entropie eingeladen hatte, um ihn wegen seines fünfundzwanzigjährigen Dienstjubiläums zu ehren. Entropie hatte ihm den dafür vorgesehenen Kugelschreiber zuvor feierlich überreicht. Blaulicht war keine Leuchte, als Fahrer jedoch ein unglaublicher Draufgänger. Das Bremspedal existierte in seinen Augen nur aus kosmetischen Gründen: ohne Rücksicht auf Verluste beförderte er das Trio mit Höchstgeschwindigkeit durch den dichten Verkehr. Entropie bemerkte Blaulichts wahnsinnige Lachanfälle nicht, als der die Passanten hupend über die Straße scheuchte, hatte er doch selbst alle Hände voll damit zu tun, die Titelmelodie seiner Lieblingskrimiserie zu intonieren und dies über die Außenlautsprecher kundzutun. Dreselich auf dem Rücksitz wurde kreidebleich: es käme einem Wunder gleich, wenn niemand verletzt werden würde ob dieses waghalsigen Fahrstils.
Am Einsatzort angekommen, stiegen sie aus. “Ich wollte Sie noch fragen, was mir so auf den Nägeln brennt”, versuchte es der jetzt grünliche Dreselich erneut, doch Entropie ignorierte ihn emotionslos, sah er doch Schnatzke von der Spurensicherung herbeieilen. “Ein Blutbad”, stöhnte der, und deutete auf den weiträumig abgesperrten Tatort. Entropie ging hinüber und warf einen Blick auf das Opfer. “Wutanski”, schnaubte er daraufhin erbost, “sind sie sicher, dass es nicht einfach ein Verkehrsunfall war?”. Doch Wutanski entgegnete, die Greueltat folge genau dem Muster der vorangegangenen Morde. Er flüsterte dem Kommissar zu, man vermutete, es handele sich um ein Killerauto. “Killerauto?”, versicherte sich Entropie erschrocken, die Augenbrauen hochziehend. Wutanski führte bejahend weiter aus, “Zeugen berichteten mir, sie hätten ein Fahrzeug, aber keinen Fahrer darin gesehen”. Der Kommissar schwieg.
Doch urplötzlich verspürte er erneut Appetit. “Dreselich, übernehmen Sie!”, fuhr er den überraschten Kollegen an. “Aber”, stotterte der, “ich bin doch dafür gar nicht ausgebildet”. Entropie nahm Dreselichs Bedenken nicht zur Kenntnis, sein Magen knurrte. Zusammen mit Blaulicht machte er sich auf den Weg in das Restaurant auf der anderen Straßenseite. Doch schon am Eingang wurden sie vom Kellner abgewiesen. “Leider ist nichts mehr frei, meine Herren”, bedauerte der, worauf Blaulicht schimpfend auf einen Platz bestand. “Meine Herren, bitte verlassen Sie sofort das Restaurant!”, wurde der Kellner deutlicher, doch Blaulicht setzte sich zur Wehr. Und zwar zur Feuerwehr, die an Tisch sieben saß, wo es noch gerade zwei freie Plätze gab.
“Blaulicht, altes Haus”, begrüßte ihn der Oberbrandmeister Krannwinkel enthusiastisch. Entropie folgte Blaulicht zögernd, legten dann aber die Strecke zum Tisch zurück und bestellte eine extragroße Limonade. Es müsse sich wohl um eine Durststrecke gehandelt haben, mutmaßte er analytisch. Nachdem sie eine Kleinigkeit gegessen hatten, wollte Entropie zahlen. “Alles zusammen”, wies er den Kellner an, großzügig wie er war. Doch Blaulicht machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Er hatte es nämlich nicht abwarten können, endlich seinen neuen Kugelschreiber auszuprobieren. “Schreibt sogar”, freute er sich, bis Entropie ihm die zerknüllte Rechnung an den Kopf warf.
Sie gingen zurück zum Tatort, wo Dreselich atemberaubende Fortschritte gemacht hatte: Man hatte einen Verdächtigen festgenommen. Es handelte sich um Jonas Arthur Kanapee, den berühmten Schriftsteller. “Ihre Verkleidung war nicht gut genug, Kanapee”, sagte Entropie geringschätzend, Dreselich auf die Schulter klopfend, “mit dem abschließenden ‘r’ täuschen Sie uns nicht: Sie sind das Auto!” Kanapee protestierte, doch Schnatzke präsentierte dem Autor eindeutige Beweise: er zeigte die Speichelspuren, die man am Tatort gesichert hatte, und der Hauptkommissar verglich sie mit der Kanapee entnommenen Speichelprobe. “Kanapee, da können sie sich nicht rausreden”, lachte Entropie sadistisch, “die gleichen sich ja wie gespuckt”. Kanapee wurde abgeführt, Blaulicht, Dreselich und Entropie dagegen fuhren zum Revier.
Dort angekommen, erledigte Entropie noch den notwendigen Papierkram. Er war erschöpft als er fertig war, aber er hatte immerhin siebzehn Papierflieger geschafft. Er wollte nun nach Hause gehen und zog sich die Jacke an, die ihm aber zu seinem Erstaunen deutlich zu klein war. “Das ist meine Jacke, Chef”, meinte Blaulicht, und Entropie lachte. “Es ist mir noch nie aufgefallen, dass Sie so kleinwüchsig sind, Kollege Blaulicht”, scherzte Entropie, “wie kommen Sie denn überhaupt an die Pedale im Streifenwagen? Und können Sie überhaupt über das Lenkrad schauen?” Die Polizisten lachten, und traten ihren verdienten Urlaub an.
Entropie und Dreselich entschieden sich für einen Angelurlaub. Entropie hatte sich zunächst geweigert, hatte er doch beim Kauf einer Angelrute ein schlechtes Gefühl: Er war überzeugt, dass es dabei einen Haken geben müsse. Entspannt saßen sie aber nun am See und fischten. “Dreselich, jetzt sagen sie doch endlich, was ihnen die ganze Zeit so auf den Nägeln brennt”, erinnerte sich Entropie. “Schon erledigt, Kommissar”, lachte Dreselich, “das Brennen war urplötzlich verschwunden, als ich den Fall übernommen hatte”. Entropie lächelte wissend und nickte zufrieden: Es war richtig gewesen, Dreselich bei diesem Fall ins kalte Wasser zu werfen.